Die Thörlerbahn

 

Der Steiermärkische Landtag befaßte sich 1886 mit dem Bau einer schmalspurigen Lokalbahn von Mariazell nach Kapfenberg, zumal sich im Einzugsgebiet nicht nur eine beträchtliche Eisenindustrie etabliert hatte, sondern sich auch bedeutende Kohlevorkommen und Waldbestände befanden. Nach der Konzessionserteilung konnten im Winter 1892/93 die Bauarbeiten vergeben werden. Zur Ausführung gelangte das Detailprojekt der Lokalbahn Kapfenberg - Au-Seewiesen.

Die eingleisige Bahn folgt von der Anschlußstation Kapfenberg dem Lauf des Thörlbaches und der Mariazeller Bundesstraße, tritt dann in das Gebiet des Hinterbergbaches, um dann im Talboden des Seebaches den Endpunkt Au-Seewiesen zu erreichen. Die umfangreichsten und schwierigsten Arbeiten ergaben sich im engen und vielfach gewundenen Thörlgraben, da dort nicht nur beträchtliche Erd- und Felsarbeiten erforderlich waren, sondern auch, weil der im engen Tal lebhafte Fuhrwerksverkehr nicht unterbrochen werden durfte. Größere Anstrengungen waren auch beim Bau des bei km 11 errichteten Tunnels nötig.

Nach 210 Arbeitstagen war die 22,9 km lange Strecke vollendet, die nachstehende Verkehrsstellen aufwies:

  • Kapfenberg Südbahn

  • Kapfenberg Lokalbahn

  • Winkel Hst.

  • Hansenhütte Hst.

  • Margarethenhütte Hst.

  • Thörl

  • Aflenz

  • Wappensteinhammer Hst.

  • Hinterberg Hst.

  • Seebach-Turnau

  • Au-Seewiesen.

Die Haltestelle Einöd bei Kapfenberg wurde später eingerichtet.

Während die Anschlußstation keine eigenen Baulichkeiten erhielt, waren die übrigen Bahnhöfe mit Aufnahmsgebäuden, Güterschuppen und Laderampen versehen. Die Haltestellen Winkl und Hinterberg hatten einfache Wartehütten, bei den anderen Haltestellen dienten die in der Nähe befindlichen Werksrestaurationen als Warteräume. Die Zugförderungsanlagen befanden sich in Kapfenberg Lokalbahn und im Endbahnhof. In der Haltestelle Margarethenhütte und im Bahnhof Thörl zweigen Schleppbahnen von 300 und 600 m Länge zu den dort etablierten Industriewerken ab.

Da der Bahnhof Kapfenberg Südbahn für schmalspurige Gleisanlagen zu wenig Platz bot, wurde zu dem 0,6 km entfernten Lokalbahnhof, heute Kapfenberg Landesbahn, eine vierschienige Gleisanlage (jetzt Dreischienengleis) errichtet, um mit Hilfe der Schmalspur-Triebfahrzeuge auch Normalspur-Güterwagen dorthin zu überstellen.

Zur Erstausstattung der Bahn gehörten drei C-gekuppelte Tenderlokomotiven, die Krauss in Linz aus der C1-Grundtype der Schmalspurlokomotiven entwickelt hatte. Vier bauartgleiche Maschinen wurden dann 1898 als Reihe Z an die Pinzgauer Lokalbahn geliefert. Im Jahre 1896 wurde noch wegen der anfänglich guten Betriebserträge die Clt-nP »Graz« von Krauss, Linz, nachgeliefert.

Der Fahrpark umfaßte 4 Personenwagen 1./3. Klasse, 4 Personenwagen 3. KI., 2 kombinierte Post- und Dienstwagen, 6 gedeckte und 24 offene Güterwagen, 1 Schneepflug, 1 Draisine und 3 Bahnwagen sowie einen sogenannten "Einschaltwagen". Er lief auf Schmalspurgleisen und war mit Zug- und Stoßvorrichtungen für Normal- und Schmalspur ausgerüstet. Heute wird der Wagen nicht mehr verwendet, da eine Lokomotive zusätzlich mit einem Normalspurkupplungsbügel ausgestattet wurde.

Erstmalig erreichte am 17. 11. 1893 eine Lokomotive Thörl und am 21.11.1893 den Endbahnhof Au-Seewiesen. Die feierliche Eröffnung der Bahn fand am 8.12.1893 statt. Obwohl die niederösterreichisch-steirische Alpenbahn St. Pölten - Mariazell - Gußwerk 1907 fertiggestellt war, kam es aus Kostengründen nie zur geplanten Verbindung mit der Landesbahn Kapfenberg - Au-Seewiesen. Die Strecke von Seebach-Turnau zum 3 km entfernten Endbahnhof Au-Seewiesen wurde mit 31.12.1964 eingestellt und bald darauf abgetragen.

Die Dampftraktion hielt sich relativ lange, da der Lokalbahnhof eine größere Werkstätte besitzt, die alle großen Arbeiten an den Maschinen ausführen konnte. Als erste Diesellokomotive traf 1958 die von der SKGLB (SalzKammerGut LokalBahn) erworbene D40 ein, im Jahre 1964 folgte eine Streckenlokomotive und 1971 traf die von der DB (Deutsche Bahn) erworbene schwere Diesellok VL21 ein. Von den jugoslawischen Schmalspurbahnen in Bosnien beschafften die Steiermärkischen Landesbahnen zwei Dieselmaschinen.

Während die Güterbeförderung von und bis Thörl eine gute Auslastung zeigte, fehlten die Voraussetzungen für einen florierenden Personenverkehr. Durch die Bahn wird zwar das landschaftlich wunderschöne Gebiet des Hochschwabmassivs erschlossen, doch liegen die großen Ortschaften weitab, sodaß die fahrplanmäßige Personenbeförderung bereits am 15.3.1959 eingestellt wurde. Seither finden regelmäßig Dampfsonderfahrten für Eisenbahnfreunde und Touristen statt.

 

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